DieMilgram-Experimente

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Die Yale University inserierte Anfang der sechziger Jahre in der Lokalzeitung von New Haven im US-Staat Connecticut, dass sie Probanden sucht, die bereit sind, an einem Experiment über Erinnerungsvermögen und Lernfähigkeit teilzunehmen. Dass es sich dabei nur um einen Vorwand handelt, um zu untersuchen, inwieweit sich Menschen einer Autorität unterwerfen, erahnen die (nicht-studentischen) Teilnehmer allerdings nicht. Die Freiwilligen werden dann durch den Versuchsleiter mit ihren Rollen in diesem Experiment vertraut gemacht. Es nehmen jeweils zwei Versuchspersonen (Vpn) an einem Experiment teil. Der Versuchsleiter(Vl), ein Mann mit einem weißen Kittel, erläutert den Probanden, dass untersucht werden soll, welche Auswirkungen Bestrafung auf das Lernen hat. Dazu werden die Teilnehmer durch Ziehen von Losen in Schüler und Lehrer unterteilt. Dieses Losverfahren ist allerdings manipuliert, da in Wahrheit immer nur ein Proband an dem Experiment teilnimmt. Er wird der Lehrer. Die andere Person, die am Experiment teilnimmt, der Schüler, ist ein Student der Universität, was der Proband jedoch nicht weiß.

Der Versuchsleiter erläutert nun das Experiment. Der Test beinhaltet, dass der Lernende eine Liste von Assoziationspaaren auswendig lernen soll und sein Partner, der Lehrer, wird ihn überprüfen. Man zeigt den Versuchsteilnehmern einen "Schockgenerator" mit einer Instrumententafel. Auf dieser befinden sich dreißig Kippschalter. Diese Schalter sind aufsteigend angeordnet und gehen von 15 Volt ( "leichter Schock") über mittlerer und schwerer Schock bis zu einer Voltstärke von 450 Volt (mit "XXX" gekennzeichnet).

Die Aufgabe des Lehrers besteht nun darin, jedes Mal wenn der Schüler eine falsche Antwort gibt, die jeweiligen Schalter mit den sich steigernden Elektroschocks zu betätigen. Nach dieser Erläuterung folgt der Lehrer dem Versuchsleiter und seinem Assistenten in einen anderen Raum, wo ein Elektrischer Stuhl aufgebaut ist. Der Schüler nimmt auf dem Stuhl platz und wird an ihm gefesselt. Elektroden werden angeschlossen und mit dem Generator verbunden. An diesem Punkt des Experiments gibt der Lernende zu bedenken, dass er ein schwaches Herz habe. Der Versuchsleiter beruhigt den Mann mit der Aussage, dass die Schocks zwar äußerst schmerzhaft sein können, allerdings nicht zu dauerhaften Gewebeschäden führen.

Versuchsanordnung:

Wie bereits erwähnt, weiß der Lernende, dass er sich keine Sorgen zu machen braucht. Er ist der Assistent des Versuchsleiters, und die Wahl, wer Lehrer und wer Schüler wird, ist manipuliert. Selbstverständlich ist der Lernende auch nicht tatsächlich mit dem Stromgenerator verbunden, da es sich bei dem vermeintlichen Schockgenerator um ein Attrappe handelt. Von all dem ahnt die eigentliche Versuchsperson, der Lehrer jedoch nichts. Man hat ihm sogar einen Probeschock von 45 Volt zugemutet. Er ist also fest davon überzeugt, dass das Opfer im Nebenraum tatsächlich mit Stromstößen bestraft wird. Er hört, dass der Schüler jedes Mal, wenn er ihn bestraft, reagiert, als würden ihm tatsächlich Schmerzen zugefügt. Der Proband weiß nicht, dass es sich bei diesen Reaktionen um vorher aufgezeichnete Tonbandaufnahmen handelt und dass die Antworten des Schülers standardisiert sind.

Das Standardexperiment

Nun beginnt das Experiment. Der Lernende antwortet zu Anfang mehrmals richtig und einige Male falsch. Bei jedem Fehler bedient der Lehrer ordnungsgemäß den nächsten Knopf und bestraft somit seinen Schüler mit vermeintlich immer stärkeren Stromstößen. Beim fünften Schock angelangt (75 V), beginnt der Schüler zu stöhnen und zu klagen. Bei 150 Volt bittet das Opfer darum, das Experiment abzubrechen und bei 180 Volt schreit es, dass es den Schmerz nicht mehr aushalten könne. Nähert sich das Experiment dem Punkt, an dem der mit "Gefahr: Extremer Stromstoß" gekennzeichnete Knopf vom Lehrer betätigt werden muss, hört er das Opfer im Nebenraum an die Wand hämmern. Der Schüler fleht regelrecht darum, dass man ihn aus dem Nebenraum befreien möge. Der Versuchsleiter erläutert dem Probanden, dass es sich bei dieser Reaktion natürlich um eine falsche Antwort handele und fordert den Lehrer auf, den nächsten Schalter mit der entsprechend höheren Voltzahl zu betätigen.

Die Probanden dieses Experiments setzten sich aus einer Zufallsstichprobe wie folgt zusammen:

Natürlich reagierten die Versuchspersonen auch emotional auf die offenkundige Notlage ihrer Opfer. Einige protestierten, andere schwitzten, zitterten, begannen zu stottern oder zeigten andere Zeichen der Anspannung. Dennoch gehorchten sie den Anweisungen des Versuchsleiters. Dieses Verhalten ist nicht auf amerikanische Männer aus Connecticut beschränkt. Milgrams Experiment wurde vielfach wiederholt und in allen Fällen ließ sich ein signifikantes Maß an Gehorsam feststellen. So wurde das Experiment z.B. in Australien ( Kilham, Mann 1965), in Jordanien (Shannab, Yahya 1974), in Spanien (Miranda, Cabellero u.a. 1981) und auch in der Bundesrepublik Deutschland (Mantell, 1971) [Video, 980 kb, Realplayer erforderlich] wiederholt. Überall reagierten die Menschen ähnlich wie in Milgrams Versuch. Des weiteren zeigte es sich, dass Frauen sich ebenso gehorsam verhalten wie Männer (Milgram 1974).

Die Ergebnisse von Milgrams Experiment sind erschreckend. Beweisen sie doch, dass eine große Anzahl von Menschen bereit ist, aus Gründen des Gehorsams gegenüber einer Autorität, andere Menschen zu foltern, ihnen Schmerzen zuzufügen. Sie nehmen dabei in Kauf, dass ihr Opfer - zumindest von dem Zeitpunkt an, als es nicht mehr reagiert - ohnmächtig oder gar tot ist.

Man kann diese Studien wohl kaum lesen, ohne dass dabei Assoziation zu den Taten der NS-Verbrecher geweckt werden. So rechtfertigt Adolf Eichmann z.B. seinen Gehorsam damit, indem er seine Verantwortung für die Morde darauf reduziert, dass er die Befehle seiner Vorgesetzten befolgte. Andere, wie der verurteilte Priebke berufen sich auf den sogenannten "Befehlsnotstand" ihren vorgesetzten Offizieren gegenüber.

Christopher Browning widerlegt in seinem Buch "Ganz normal Männer" in gewisser Hinsicht diese Rechtfertigung, die den Eindruck einer homogenen und gleichgeschalteten Gesellschaft vermitteln, in der jeder mitmachen musste oder aber zum Untergang verurteilt war.:

"Diese Geschichte von ganz normalen Männern ist nicht die Geschichte aller Männer oder Menschen. Die Reservepolizisten hatten Wahlmöglichkeiten, und die meisten von ihnen begingen schreckliche Untaten. Doch jene, die getötet haben, können nicht aus der Vorstellung heraus freigesprochen werden, dass in ihrer Situation jeder Mensch genauso gehandelt hätte. Denn selbst unter ihnen gab es ja einige, die sich von vornherein weigerten zu töten oder aber zu einem bestimmten Punkt nicht mehr weitermachten. Die Verantwortung für das eigene Tun liegt letztlich bei jedem einzelnen." (Browning 1996).

Sicherlich mögen sich Vergleiche zu der NS-Zeit aufdrängen, dennoch sollte man Milgrams Ergebnisse nicht überinterpretieren. Die Frage, wie man sich selbst in dieser Situation oder auch zu Zeiten des Nationalsozialismus verhalten hätte, sind durchaus legitim. Man sollte jedoch bedenken, dass sich in Milgrams Experiment die Versuchspersonen zur Teilnahme bereit erklärt haben und somit auch annehmen, dass sich die Opfer ebenfalls freiwillig dazu bereit erklärt haben. Insofern fühlte sich der Lehrer wohl auch verpflichtet, das Experiment zu beenden. Außerdem ist die Versuchsperson allein den Anweisungen des Versuchsleiters ausgesetzt.

Fundamentaler Attributionsfehler

Milgram stellte zu diesem Experiment eine Befragung unter 40 Psychiatern einer führenden medizinischen Hochschule an. Sie sollten schätzen, wieviel Prozent der Teilnehmer alle Elektroschocks verabreichen würden. Die Psychiater sagten voraus, dass die Masse der Versuchspersonen bei 150 Volt aufhören würden - zu dem Zeitpunkt, als das Opfer erstmals darum bittet, aus dem Raum befreit zu werden. Außerdem, so vermuteten die Psychiater, werden nur ca. vier Prozent aller Versuchspersonen dem Opfer weiterhin Elektroschocks verabreichen, wenn es nicht mehr auf die Fragen des Schülers reagiere (bei 300 Volt). Sie schätzten weiterhin, dass weniger als ein Prozent der Versuchspersonen an das absolute Limit von 450 Volt gehen würden.

Tatsächlich stellte Milgram jedoch fest, dass die große Mehrheit seiner Versuchspersonen, mehr als 62 Prozent, bis zum Ende der Skala gingen und alle Elektroschocks bis zu 450 Volt verabreichten, auch wenn einige Versuchspersonen durch vier sich steigernde Aufforderungen des Versuchsleiters dazu gedrängt werden mussten.

  1. Please continue, go on
  2. The experiment requires that you continue [Wave, 75 kb, Realplayer erforderlich]
  3. It is absolutely essential that you continue
  4. You have no other choice, you must go on. [Video, 980 kb, Realplayer erforderlich]

Ein weiteres Beispiel eines solchen fundamentalen Attributionsfehlers, wie er den Psychiatern unterlief, untersuchte Günter Bierbrauer in einem Experiment. In diesem Experiment beobachteten die Probanden eine Nachstellung des Experiments von Milgram. Wie die meisten Versuchspersonen in Milgrams Experiment zeigte auch die Person, die das Szenario nachstellte, ein hohes Maß an Autoritätsgehorsam und bestrafte den Lernenden mit der maximalen Voltstärke von 450. Anschließend forderte Bierbrauer seine Versuchspersonen auf, einzuschätzen, wie viele Personen in Milgrams Experiment gehorchten. Sie schätzten, dass zwischen 10 und 20 Prozent bis zum Maximum gehen würden.

"Anders gesagt nahmen Bierbrauers Versuchspersonen an, dass das Verhalten derjenigen Personen, die sie beobachteten, eine bestimmte persönliche Disposition widerspiegelte (dass sie also besonders aggressiv oder gehorsam war). Sie schrieben dieses Verhalten nicht den situativen Einflüssen zu, die ein solches Verhalten bei den meisten Menschen auslösen." (Aronson 1994)

Als Versuchspersonen aufgefordert wurden, ihr Verhalten in diesem Experiment vorherzusagen, sagten alle aufgrund ihres Selbstverständnisses, dass sie bereits bei mäßigen Schocks das Experiment abgebrochen hätten (Milgram 1965).

Obedience als Folge des Aggressionstriebs

Nun könnte man vermuten, dass Milgrams Versuchspersonen, die sich der Autorität des Versuchsleiters unterwarfen, nur deshalb so verhielten, weil sie besonders sadistisch, grausam oder in irgendeiner anderen Art und Weise besonders veranlagt waren. Deshalb untersucht Milgram gemeinsam mit Alan Elms ihre Scores in einer Reihe standardisierter Persönlichkeitstests.

"Forty adult males, half having obeyed and half having defied authoritative commands to give high-voltage shocks to a fellow volunteer in a realistic experimental situation, were administered personality tests and questionnaires several month later. Obedient and defiant Ss showed little differentiation on the MMPI, but differed significantly on the California F Scale (p < .003). Significant attitudinal differences were displayed toward own father, experimenter, experimental confederate, sponsoring university, willingness to shoot at men in wartime, and other concepts, in patterns somewhat similar to "authoritarian personalities." Experimental validation of personality differences previously reported in association with measures of authoritarianism was thus tentatively demonstrated. Exceptions to authoritarian patterns were noted." (Elms, Milgram 1966)

Sich gehorsam verhaltende Versuchspersonen haben also demnach signifikant höhere Werte auf der Autoritarismus-Skale (F-Skala). Sie haben häufiger beim Militär gedient, sind weniger gebildet, sind häufiger im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich tätig als in sozialen Berufen und sind eher jünger. Die genannten Unterscheide ließen sich vor allem bei den vier Raumnähe-Experimenten finden. Milgram selbst schloss daraus, dass es wohl weniger die Wesensart einer Person sei, die seine Handlungen beeinflussten, als vielmehr die Besonderheit der Situation, in der er sie sich befindet (vgl. Milgram 1993, S. 235).

"Das Verhalten, das sich bei den hier berichteten Experimenten zeigte, ist ganz normales menschliches Verhalten ... Nicht Aggression, denn die Menschen, die dem Opfer Schocks versetzten, empfanden keinen Zorn, keine Rachsucht und keinen Haß ..." (Milgram 1993, S.216)

Erweiterungen und Replikationen des Experiments

In einer Erweiterung des Experiments hat Milgram dann auch gezeigt, dass der Anteil der bedingungslos gehorchenden Probanden drastisch abnimmt (auf 10 %), wenn sie zwei weitere Lehrer an ihrer Seite haben und diese dem Versuchsleiter Widerstand entgegen setzen (Milgram 1965).

Hinzu kommt, dass die Autorität des Versuchsleiters in diesen Studien von einem Wissenschaftler eines angesehenen Instituts der Yale Universität ausging. Was sozusagen per se eine Interpretation der Versuchsteilnehmer zuließ, an einem bedeutenden wissenschaftlichen Experiment bzw. an einer bedeutenden wissenschaftlichen Fragestellung mitzuwirken. Auch wir sind in unserer Gesellschaft daraufhin konditionier wurden, dass Wissenschaftler normalerweise wohlwollende und integere Personen sind. Dies gilt doppelt, wenn der Wissenschaftler mit einem namhaften Institut in Verbindung gebracht wird. Ich denke, man kann dieses Verhältnis durchaus mit einem Arzt-, Patientenverhältnis vergleichen. Kassenärzte gelten in Deutschland aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Zulassung per se als Experten und als vertrauenswürdig. Erst in den letzten Jahren scheint sich auch hier eine "gesunde" Skepsis zu entwickeln. Dennoch setzen viele Menschen noch immer ein geradezu blindes Vertrauen in den Mediziner. In Fall des Experiments aber auch in der Beziehung Arzt - Patient gehen die Menschen natürlich davon aus, dass weder der Wissenschaftler, noch der Arzt Anweisungen geben würde, mit denen der Tod oder die Schädigung eines Menschen in Kauf genommen würden. Aber gerade bei Menschen wie Mengele oder Eichmann war dies eben nicht der Fall.

Milgram selbst belegte diese Annahmen durch eine weitere Modifikation der Baseline seines Experiments. Er führte eine Reihe von Einzelstudien durch, in denen er die Gehorsamsbereitschaft seiner Versuchspersonen gegenüber eines Mitarbeiters der Yale Universität mit dem Gehorsam gegenüber eines Wissenschaftlers, dessen Arbeitsplatz sich in einem verwahrlosten Bürogebäude eine Geschäftsviertels in Bridgeport (Connecticut) befand, verglich. In dieser vergleichenden Studie stellte Milgram fest, dass in dem Experiment des Wissenschaftlers der Yale Universität 65 Prozent der Versuchspersonen absoluten Gehorsam leisteten, während es 48 % der Versuchspersonen waren, die in dem in Bridgeport durchgeführten Experiment Gehorsam zeigten. Daraus lässt sich folgern, dass fehlendes Ansehen auch die Bereitschaft zum Gehorsam reduziert. Obwohl natürlich 48 Prozent meines Erachtens immer noch ein sehr hoher Prozentsatz ist.

Legitimation der Autorität

Hier drängt sich die Frage auf, ob möglicherweise noch weniger Versuchspersonen Gehorsam geleistet hätten, wenn der Versuchsleiter kein Wissenschaftler gewesen wäre, bzw. schlicht überhaupt keine legitimierte Autorität darstellte. In einer weiteren Abwandlung des Experiments untersuchte Milgram, was geschah, wenn der Versuchsleiter in letzter Minute absprang und durch eine Ersatzperson ersetzt wurde. Dies sah in der Praxis wie folgt aus:

Nachdem dem Lehrer seine Rolle in dem Experiment erläutert worden war (allerdings noch bevor dem Probanden die Höhe der E-Schocks bekannt war), rief man den Versuchsleiter durch ein fingiertes Telefonat vom Labor weg. Ein anderer Teilnehmer (in Wahrheit ein Gehilfe des Versuchsleiters) übernahm seine Rolle. Dieser Ersatzmann tat nun so, als wäre es seine Idee, die Elektroschocks nach jedem Fehler des Schülers zu erhöhen. Ansonsten verhielt sich der Ersatzmann ebenso wie der Versuchsleiter in der Baseline des Experiments. Er bedrängte den Lehrer ebenso, mit den Elektroschocks weiterzumachen, wie es auch der Versuchsleiter getan hätte. In dieser Variante des Experiments sank die Zahl der absolut gehorsamen Versuchspersonen auf 20 Prozent. Damit war bewiesen, dass eine ausreichend legitimierte Autorität ein hohes Maß an Gehorsam den einzelnen Personen abverlangen kann, nicht jedoch eine beliebiger Mensch, der in die Rolle einer solchen Autoritätsfigur zu schlüpfen versucht.

Anwesenheit der Autoritätsperson

Wie Milgram herausfand, gab es noch einen weiteren wichtigen Faktor für die Bereitschaft zum Gehorsam: die Anwesenheit der Autoritätsperson. So stellte Milgram fest, dass die Anzahl der absolut gehorsamen Versuchspersonen auf 25 Prozent sank, sobald der Versuchsleiter sich außerhalb des Raumes befand und seine Anweisungen per Telefon gab. Hinzu kam, dass einige Probanden, die das Experiment zwar fortsetzten, anfingen zu mogeln. Dies äußerte sich z.B. dadurch, dass sie dem Schüler schwächere E-Schocks verabreichten als das Experiment es eigentlich vorgab. Sie dachten auch nicht daran, dies dem Versuchsleiter etwa mitzuteilen und so zu verdeutlichen, dass sie von dem vereinbarten Verfahren abgewichen waren. Sie versuchten dadurch einerseits, den Anforderungen des Versuchsleiters gerecht zu werden und konnten andererseits ihren inneren Konflikt auflösen, indem sie die Schmerzen, die sie einem anderen Menschen zufügten, so gering als nur möglich zu halten.

Gehorsam in Gruppen

Das Gefühl, verantwortlich für das eigene Handelns zu sein, nimmt ab, wenn man sich als Teil einer größeren Maschinerie sieht. Milgram wies dies mit einer weiteren Variante seiner Versuchsparadigmen nach.

In dieser Variante des Experiments waren es zwei Lehrer, die einen Schüler unterrichteten. In diesem Fall war der zweite Lehrer die echte Versuchsperson. Ihre Aufgabe war es, die Aufgaben zu verlesen und die Richtigkeit der Antworten zu überprüfen. In einer solchen Konstellation waren es sage und schreibe 92,5% der Versuchspersonen, die den anderen Lehrer, also den, der die Elektroschocks ausführte, nicht daran hinderte, die maximalen Stromstöße zu verabreichen.

Auch in der australischen Replikation von Wesley Kilham und Leon Mann machten die Versuchspersonen in der Helferrolle signifikant häufiger bis zum Ende mit als im Standardexperiment:

"An experiment was conducted to test the hypothesis that the individual in a transmitter role in the Milgram obedience paradigm is more obedient to destructive commands than the individual in an executant role. The hypothesis was based on the assumption that the person in the transmitter role, because he is one step removed from the act, feels reduced responsibility for its consequences. Results supported the hypothesis. Subjects were more obedient when they were required to communicate an order to hurt another (transmitter conditions) than when they were ordered to carry out that order (executant condition). Across conditions female subjects were less obedient than males, significantly so in the executant condition." (Kilham; Mann 1974)

Die Gehorsamsbereitschaft war hier allerdings deutlich niedriger als in der von Milgram durchgeführten Untersuchung.

Räumliche Nähe

In einer weiteren Abwandlung des Experiments stellte Milgram fest, dass seine Versuchspersonen eher bereit waren, den Anweisungen des Versuchsleiters zu folgen, je weiter sie von ihrem Opfer entfernt waren. Hatten die Versuchspersonen Augenkontakt zu ihrem Schüler, waren nur 40 Prozent bereit, das Experiment fortzuführen, während es noch 62 Prozent waren, wenn sie "nur" die Schreie ihres Opfers hören konnten. Ähnlich verhielt es sich mit Versuchspersonen, die aufgefordert worden waren, den Arm des Schülers auf die stromführende Platte herunterzudrücken, anstatt den weiter entfernten Schockgenerator zu benutzen (30 Prozent).

 

 

Fernraum

Akustische Rückkopplung

Raumnähe

Berührungsnähe

Durchschnittlich gegebene Maximalschock in Volt

405

367,5

312

268,2

Prozentsatz völlig gehorsamer Vpn

65 %

62,5 %

40 %

30 %

 

Kritik an den Experimenten

Milgram wurde für dieses Experiment heftig kritisiert. Man warf ihm vor, dass er die Regeln der Ethik in der psychologischen Forschung aufs schwerste verletzt habe. Er habe den Versuchspersonen geschadet, indem er ihnen ein Stück Selbsterkenntnis aufzwang, das bei einigen der Probanden ein Trauma hinterlassen haben könnte. Einmal ganz davon abgesehen, dass die Versuchspersonen schlichtweg getäuscht worden sind.

"Milgram stellte dem entgegen, dass in Nachbefragungen 83,5 Prozent der gehorsamen Versuchspersonen und 83,3 Prozent der Ungehorsamen angaben, sie seien froh, an dem Experiment teilgenommen zu haben." (Ernst, Sack 1982).

 

Literatur

Monographien

 

Milgram, Stanley (1993)

Das Milgram Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität, Reinbeck: Rowohlt

Aufsätze

 

Günther, U.

Gehorsam bei Elektroschocks: die Experimente von Milgram. In: Frey, Dieter; Greif, Siegfried: Sozialpsychologie: ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. Weinheim: Psychologie-Verl.-Union, S. 449, 1994

Elms, A. C., Milgram, S.

Personality Characteristics associated with obedience and defiance toward authoritative command. In: Journal of Experimental Research in Personality 1 (1966) S. 282 - 289

Kilham, W.; Mann, L.

Level of destructive obedience as a function of transmitter and executant roles in the Milgram obedience paradigm. In: Journal of personality and Social Psychology 29 (1974) S. 696 - 207

Mantell, D.

The Potential for violence in Germany. In: Journal of social Issues 27 (1971) S. 101 - 112

Mantell, D.

Das Potential zur Gewalt in Deutschland: eine Replikation unter Erwachsenen des Milgram Experiments. In: Der Nervenarzt 42/5 (1971) S. 252 - 257

Milgram, Stanley

Behavioral study of obedience. In: Journal of Abnormal an Social Psychology 67 (1963) S. 371 - 378

Milgram, Stanley

Some conditions of obedience and disobedience to authority. In: Human Relations 18 (1965) S. 57 - 76

Milgram, Stanley

Liberating effects of group pressure. In: Journal of personality and Social Psychology 1 (1965) S. 127 - 134

Shannab, M.; Yahya, K.

A behavioral study of obedience in children. In Journal of personality and Social Psychology 35 (1977) S. 530 - 536

 Allgemeine Lehrbücher

Aronson, Elliot

Sozialpsychologie. Menschliches Verhalten und Gesellschaftlicher Einfluß. Heidelberg; Berlin; Oxford: Spektrum, Akad. Verl., 1994

Bierbrauer, Günther

Sozialpsychologie. Köln: Kohlhammer, 1996

Forgas, Joseph P.

Soziale Interaktion und Kommunikation. Eine Einführung in die Sozialpsychologie. Weinheim: Beltz, Psychologie-Verl.-Union, 1995

Frey, Dieter; Greif, Siegfried

Sozialpsychologie: ein Handbuch in Schlüsselbegriffen. Weinheim: Psychologie-Verl.-Union, 1994

Ernst, Heiko; Strack Fritz

Vom Individuum zu Gesellschaft: Sozialpsychologie. (S. 207). In: Stahlmann, Reinhart (Hrsg.): Kindlers Handbuch Psychologie. München: Kindler, 1982

Zimbardo, Philip G.

Psychologie. Berlin: Springer, 1995

Filme

Abraham ein Versuch. Deutschland 1970, Regie: Hans Lechleitner

Siehe auch: Links zu anderen Seiten über Stanley Milgram.

Gehorsam und Verweigerung. Österreich 1994. Eine Dokumentation von Egon Humer.

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